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18.05.2011 11:40 Uhr in Wirtschaft und Politik

Das Geschäft mit dem Hunger - Wenn Nahrungsmittel unbezahlbar werden (O-Ton-Paket)

(ddp direct) Die Liste der Themen beim G8-Gipfel in Frankreich am 26. und 27. Mai ist lang. Unter anderem werden die Vertreter der acht wichtigsten Industrienationen über die Entwicklung auf den Rohstoffmärkten diskutieren. Wie man zum Beispiel den Spekulanten das Handwerk legen kann, die mit ihren Finanzgeschäften mit dazu beigetragen haben, dass die Getreidepreise in den letzten Jahren dramatisch in die Höhe geschossen sind. Mit dem Resultat, dass noch mehr Menschen hungern müssen, weil sie sich keine Grundnahrungsmittel mehr leisten können. Die genauen Zusammenhänge hat der Volkswirtschaftsprofessor Hans Heinrich Bass im Auftrag der Welthungerhilfe erforscht, hallo.


O-Ton 1 (Professor Hans Heinrich Bass, 0:01 Min.): „Hallo und schönen guten Tag!“

1. Herr Professor Bass, warum erreichen die Preise für Grundnahrungsmittel denn immer neue astronomische Höhen?

O-Ton 2 (Professor Hans Heinrich Bass, 0:39 Min.): „Da haben wir zunächst mal die fundamentalen Faktoren auf der Angebotsseite: Da gibt es die extremen Klimaschwankungen, dann gibt es die Flächenkonkurrenz beispielsweise zwischen Getreide und Baumwolle. Und dann gibt es insbesondere in Afrika eine zurückgehende Flächenproduktivität, weil nicht genügend investiert wird in Landwirtschaft. Auf der Nachfrageseite haben wir zum einen die steigende Nachfrage aus Schwellenländern, wir haben die
Nachfrage nach Agrosprit, und dann gibt es noch einen weiteren Faktor auf der Nachfrageseite, das ist das Finanzmarktgeschäft. Die Anleger gehen auf die Rohstoffmärkte, gehen auf die Getreidemärkte, um dort Gewinne zu erzielen.“

2. Und jetzt haben Sie in Ihrer Studie untersucht, wie sich diese Finanzspekulationen auf die Preise der Grundnahrungsmittel auswirken. Was haben Sie dabei herausgefunden?

O-Ton 3 (Professor Hans Heinrich Bass, 0:46 Min.): „Spekulation gibt es natürlich seit ewigen Zeiten. Aber es gibt jetzt seit etwa fünf, sechs Jahren eine neue Kategorie. Das sind diese Index-Spekulanten, die einfach nur in ihrem Anlegerverhalten dem Index folgen, in der Hoffnung, dass die Agrarpreise weiter steigen. Die kaufen auf dem Terminmarkt für Getreide neue Kontrakte, die dann wieder ins nächste Jahr hineingehen, und entfalten damit permanent einen Nachfragedruck. Und dieser Nachfragedruck ist nach unseren
Schätzungen für etwa 15 Prozent des jetzigen Preisniveaus verantwortlich. Das ist für viele Entwicklungsländer eine unhaltbare Situation, weil sie ja letztlich über die Preise, die auf den Terminmärkten gemacht werden, dann natürlich auch für ihre Importe mehr bezahlen müssen.“

3. Politiker wie zum Beispiel auch Agrarministerin Ilse Aigner fordern, den Preisdruck bei Nahrungsmitteln zu unterbinden. Wie sehen Sie das?

O-Ton 4 (Professor Hans Heinrich Bass, 0:23 Min.): „Das Ganze hat ja den Charakter eines Kasinos, es geht da um Wetten. Man kann nun sagen, das Wetten legal sind auch auf diese Bereiche. Aber es ist eben so: Wenn ich auf ein Fußballergebnis wette, dann beeinflusst meine Wette das Fußballergebnis in der Regel nicht. Wenn ich auf die Steigerung des Nahrungsmittelpreises wette, dann kann das eben doch den Nahrungsmittelpreis beeinflussen - und das, denke ich, sollte man unterbinden.“

4. Wie macht man das am besten?

O-Ton 5 (Professor Hans Heinrich Bass, 0:35 Min.): „Ich denke, es gibt zwei Möglichkeiten. Zum einen, es wirklich teurer zu machen, dort zu spekulieren. Eine Möglichkeit wäre die Wiedereinführung der Börsenumsatzsteuer. Wenn man die auf diese Produkte auf dem Finanzmarkt erheben würde, dann wäre es für die Anleger attraktiver, in andere Bereiche zu gehen, also reale Investitionen zu tätigen. Eine zweite Möglichkeit wäre, dass man das Bewusstsein der Banken schärft und einfordert, dass die Banken Verantwortung tragen und Anlagen in solche Nahrungsmittel-Finanzinstrumente nicht so aggressiv bewerben, wie das zurzeit der Fall ist.“

Professor Hans Heinrich Bass von der Hochschule Bremen über Finanzspekulationen auf den Agrarrohstoffmärkten und warum diese die Nahrungsmittelpreise in die Höhe treiben, vielen Dank.

O-Ton 6 (Professor Hans Heinrich Bass, 0:01 Min.): „Ich danke Ihnen für das Gespräch!“


Finanzspekulationen an den Börsen tragen dazu dabei, dass die Getreidepreise immer mehr steigen. Welche Auswirkungen das auf den Hunger in der Welt hat, erklärt der Generalsekretär der Welthungerhilfe, Dr. Wolfgang Jamann, hallo.


O-Ton 1 (Dr. Wolfgang Jamann, 0:01 Min.): „Einen schönen guten Tag!“

1. Herr Dr. Jamann, was bedeutet das denn für die Menschen in den Entwicklungsländern, wenn die Preise für Grundnahrungsmittel weiter so ansteigen wie in den letzten Jahren?

O-Ton 2 (Dr. Wolfgang Jamann, 0:42 Min.): „Diese ganz stark steigenden Preise, die bedeuten, dass sich die Menschen Lebensmittel einfach nicht mehr leisten können. Das ist schon jetzt so, dass in einer Vielzahl der Länder, in denen die Welthungerhilfe arbeitet, Menschen über die Hälfte ihres Haushaltseinkommens für Lebensmittel ausgeben müssen. Und die haben schlicht und einfach keine Toleranz mehr gegenüber noch steigenden Preisen. Das heißt, sie werden weniger essen müssen, sie essen zum Teil in Schichten. Der Vater morgens, die Mutter mittags und das Kind abends, wenn überhaupt noch jeden Tag etwas auf den Tisch kommt. Es werden weniger Nährstoffe zu sich genommen, in Haiti werden mittlerweile Lehm-Kekse gegessen. Das sind ganz dramatische Entwicklungen - und die Zeit drängt. Diese hohen Lebensmittelpreise, die werden sich auch weiterhin fatal auf die Ernährungssituation in den Entwicklungsländern auswirken.“

2. Was unternimmt die Welthungerhilfe dagegen?

O-Ton 3 (Dr. Wolfgang Jamann, 0:47 Min.): „Preissteigerungen, das ist im Moment das drängendste Problem, entstehen natürlich durch eine Reihe von Dingen, insbesondere durch verstärkte Nachfrage. Zum Beispiel für Futtermittel, für die Tierindustrie, für den Fleischkonsum, der in weiten Teilen der Welt zugenommen hat. Und diese knappe Ressource Ackerland, die wird immer mehr durch weitere Verwendungskonkurrenz strapaziert, also auch die Industrie, Agrotreibstoffe, alle brauchen dieses Land. Und das führt dazu, dass immer mehr Land nicht mehr zur Verfügung steht für die Produktion von Lebensmitteln. Und die Welthungerhilfe weist auf diese Zusammenhänge hin: Wir decken auf, was das bedeutet für die Menschen vor Ort und versuchen natürlich auch, politisch Einfluss zu nehmen darauf, dass Lebensmittelproduktionen für den menschlichen Verzehr schlicht und einfach Vorrang haben muss.“

3. Wer ist denn da jetzt in der Pflicht, zu helfen?

O-Ton 4 (Dr. Wolfgang Jamann, 0:56 Min.): „Selbstverständlich sind hier einige Akteure gefragt. Diese zusätzlichen, ganz gefährlichen Tendenzen jetzt der Preisspekulationen, der Lebensmittelspekulationen an den Terminmärkten, die eine immer wichtige Rolle spielen, die können eigentlich nur eingedämmt werden, wenn die internationale Gemeinschaft, sprich die Regierungen, die Europäische Union, aber insbesondere eben auch die G8 und die G20, sich hier gemeinsam darauf verständigen, diese starken Preisschwankungen einzudämmen. Und wir haben das Finanzministertreffen der G20 vor der Tür , und ich denke, dort bestehen Möglichkeiten diese dramatischen Spekulationen, die eben einfach auch Auswirkungen haben auf die Preissteigerungen, zu beruhigen. Ruhigere Märkte zu schaffen, alle Handlungsspielräume auszuschöpfen, um diese Situation zu beenden. Denn durch diese Spekulationen, durch diese Preissteigerungen, wird das Menschenrecht auf Nahrung von mittlerweile fast einer Milliarde Menschen mit den Füßen getreten.“

4. Bis sich da was ändert, wird wahrscheinlich noch einige Zeit verstreichen: Was tut die Welthungerhilfe in der Zwischenzeit, um den hungernden Menschen zu helfen?

O-Ton 5 (Dr. Wolfgang Jamann, 0:57 Min.): „Unsere traditionelle Arbeit, unser Mandat, ist ja tatsächlich die Arbeit mit Kleinbauern auf dem Land. Das sind ja oft diejenigen, die nicht genug produzieren können, selber zukaufen müssen und dann zu den Hungernden gehören. Das ist eine ganz paradoxe Situation. Die Welthungerhilfe gibt diesen Menschen eine Perspektive. Wir arbeiten mit verbessertem Saatgut, wir helfen, Know-how aufzubauen, einfach besser und effektiver anzubauen. Wir leisten Infrastrukturmaßnahmen, wir bauen Straßen, wir bauen Bewässerungsanlagen. Das alles dient im Wesentlichen dazu, dass die Kleinbauern und ihre Familien ein verbessertes Einkommen erwirtschaften, dass sie ihre Produkte auch auf Märkten verkaufen können, dass Nachernteverluste eingedämmt werden, dass besser transportiert werden kann. Aber das hilft alles nichts, wenn die Bauern im Gegenzug eben wieder überteuerte Lebensmittel einkaufen müssen. Dadurch werden die kleinen Erfolge, die es überall zu verzeichnen gibt, dann wieder zunichtegemacht.“

Dr. Wolfgang Jamann, Generalsekretär der Welthungerhilfe, über die Auswirkungen der immer weiter ansteigenden Nahrungsmittelpreise auf den Hunger in der Welt, vielen Dank.

O-Ton 6 (Dr. Wolfgang Jamann, 0:01 Min.): „Ich danke Ihnen!“


Hohe Lebensmittelpreise verschärfen Hunger und Armut in den Entwicklungs- und Schwellenländern. Mehr Informationen und die komplette Studie dazu finden Sie im Internet unter Welthungerhilfe.de.