Gibt es einen Gott?- Die Entwicklung der Glaubenszugehörigkeit in Deutschland (O-Ton-Paket)
(ddp direct) Weihnachten – das Fest der Liebe. Für Kinder ist es meistens der Tag, an dem es ganz viele Geschenke gibt. Und für andere ist es wiederum in erster Linie ein christlicher Feiertag, an dem der Geburt Jesu Christi gedacht wird. An Weihnachten sind die Kirchen auch immer besonders voll – aber auch wirklich NUR an Weihnachten. Die Zahl der Kirchengänger in Deutschland geht zurück. Warum das so ist, weiß FOCUS-Redakteurin Stephanie Stallmann – hallo!
O-Ton 1: „Guten Tag!“
Ist Deutschland ein gläubiges Land?
O-Ton 2: „Überraschenderweise ja! Unsere aktuelle FOCUS-Umfrage hat ergeben: Immerhin 63 Prozent aller Deutschen glauben an Gott – fast jeder Zweite an ein Leben nach dem Tod. Auf der anderen Seite ist Deutschland aber kein Land mehr, in dem die Menschen in die Kirche gehen, denn gerade mal 13 Prozent der Katholiken feiern sonntags die Heilige Messe. Bei den Protestanten sitzen sonntags sogar nur 900.000 Menschen in 20.000 Gottesdiensten – das sind weniger als vier Prozent oder gerade mal 45 Gläubige pro Kirchenschiff.“ 00:27
Wie hat sich die Gläubigkeit der Deutschen in den letzten Jahren entwickelt?
O-Ton 3: „Die Zahl der Christen in Deutschland geht seit den 60er Jahren zurück: In den Nachkriegsjahren waren noch 96 Prozent der Menschen katholisch oder evangelisch – heute sind nur noch zwei von drei Deutschen Christen. Das liegt überraschenderweise aber nicht daran, dass die Menschen sich in Massen gegen die Kirche entscheiden – im Gegenteil liegt die Austrittsrate seit Jahren bei unter einem Prozent der Kirchenmitglieder. Der Rückgang der Christen geht vielmehr schleichend vor sich, weil zum Beispiel heute nur noch jedes zweite Elternpaar sein Kind taufen lässt. Außerdem hat es auch statistische Gründe, weil durch die Wiedervereinigung der Anteil der Konfessionslosen in Deutschland insgesamt gestiegen ist.“ 00:32
Gibt es noch andere Gründe für den Rückgang der Christen?
O-Ton 4: „Die Religionssoziologen begründen das mit der Wohlstandsgesellschaft. Sie sagen, in einem gesättigtes Alltagsleben mit unbegrenzten Konsumangeboten haben viele einfach keinen Anlass mehr, Gott zu suchen oder zu entdecken und heute sind Werte wie Selbstverwirklichung und Freiheitsdrang viel wichtiger als Nächstenliebe, Demut oder Verzicht. Viele rechtfertigen ihren Rückzug ins Private aber auch mit dem ‚unattraktiven Angebot‘ der Kirchen. Die Deutschen erwarten mehr, dass die Kirche für sie von oben organisiert wird, als dass sie selbst sich aktiv engagieren, wie das zum Beispiel in den USA der Fall ist.“ 00:29
Wie wird die Kirche in der heutigen Gesellschaft wahrgenommen?
O-Ton 5: „Kirchen bekommen zunehmend die Funktion einer religiösen Sozialversicherungsanstalt. Die meisten Leute nehmen die Kirchen wahr über Behindertenhilfe, Altenpflege, Krankenhäuser und Kindertagesstätten – damit übernehmen Diakonie und Caritas in knappen Kommunen auch immer Aufgaben, die eigentlich dem Staat zustehen. Der wichtigste Grund für die Kirchenzugehörigkeit ist für mehr als zwei Drittel der Kirchenmitglieder die Feier der Lebenswenden – also Taufe, Hochzeit, Firmung und Konfirmation. Dabei geht es allerdings den meisten um das Ritual an sich und die religiöse Bedeutung tritt dabei wohl in den Hintergrund.“ 00:31
Kann der christliche Glaube in der heutigen Gesellschaft überleben?
O-Ton 6: „Genau das ist die aktuelle Gretchenfrage, die die Wissenschaft spaltet. Manche gehen davon aus, dass das Christentum zwar nicht verschwinden wird, sich aber auf einem niedrigen Niveau einpendelt. Andere wiederum glauben, dass die Kirche das Ruder noch mal rumreißen kann, wenn sie sich wirklich engagiert und auf die Menschen zugeht und sich stärker an den Zielgruppen orientiert. Immerhin glauben laut der Focus-Umfrage aber überraschende 59 Prozent der Deutschen, dass Jesus tatsächlich Gottes Sohn ist – und das sind ja nicht die schlechtesten Voraussetzungen für ein Überleben des Christentums.“ 00:29
FOCUS-Redakteurin Stephanie Stallmann – vielen Dank!
O-Ton 7: „Ich bedanke mich – auf Wiederhören!“
Gibt es einen Gott, oder nicht? Diese Frage wird wohl für immer die Gemüter spalten. Mehr zu dem Thema können Sie auch in der aktuellen FOCUS-Ausgabe nachlesen – ab heute beim Zeitschriftenhändler.
