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Kampf gegen Drogenmissbrauch - Hintergründe zum Europäischen Drogen- und Suchtbericht (O-Ton-Paket)
(ddp direct) Amphetamine sind in Europa auf dem Vormarsch. Das geht aus dem gerade in Lissabon frisch veröffentlichten (10.11.2010) europäischen Drogen- und Suchtbericht hervor. Aber auch der Heroinkonsum spielt nach wie vor eine große Rolle. Wie die europäischen Länder gegen Drogenmissbrauch kämpfen, ob sie dabei gemeinsam an einem Strang ziehen und welche Probleme es dabei gibt, weiß Doktor Tim Pfeiffer-Gerschel von der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht, hallo.
O-Ton 1 (Dr. Pfeiffer-Gerschel, 0:01 Min.): „Hallo!“
1. Herr Dr. Pfeiffer-Gerschel, der Heroinkonsum in Europa scheint sich im vergangenen Jahr wieder stabilisiert zu haben, wie lässt sich das erklären?
O-Ton 2 (Dr. Pfeiffer-Gerschel, 0:36 Min.): „Das lässt sich dadurch erklären, dass wir in Europa verschiedene Gruppen von Heroin-Konsumenten haben. Wir haben in Westeuropa vor allen Dingen eine steigende Zahl älterer Konsumenten bei geringer werdender Zahl neuer, junger Konsumenten. Dem steht gegenüber eine wachsende Zahl junger und auch größtenteils unerfahrener Konsumenten in den östlichen Ländern Europas, die wegen Heroinkonsums in Probleme geraten. Was wir trotz der zuvor beschriebenen Unterschiede in den letzten Jahren sehen, ist aber im Großen und Ganzen eine Angleichung der Konsummuster beim Konsum von Heroin, aber auch anderen Drogen, zwischen den Ländern West- und Osteuropas.“
2. Wie kommt das Heroin überhaupt nach Europa?
O-Ton 3 (Dr. Pfeiffer-Gerschel, 0:21 Min.): „Die Verfügbarkeit von Heroin in Europa wird maßgeblich durch die sogenannte Balkanroute bestimmt. Das ist der Schmuggelweg, der von der Türkei aus über die Länder des Balkans nach Mittel- und Westeuropa führt. Über 90 Prozent des in Europa konsumierten und verfügbaren Heroins kommen über die Länder des Balkans, von Afghanistan überwiegend, nach Europa.“
3. Welche unterschiedlichen Behandlungsmethoden und -strategien gibt es dagegen und welche Präparate werden eingesetzt?
O-Ton 4 (Dr. Pfeiffer-Gerschel, 0:34 Min.): „Zur Behandlung der Heroinabhängigkeit werden mittlerweile in allen Ländern Europas vor allen Dingen Substitutionsprogramme angeboten, sogenannte Ersatzstoffbehandlungen. Dabei kommen zum einen das wahrscheinlich weitgehend bekannte Präparat Methadon zum Einsatz, das eine überwiegend sedierende Wirkung hat, aber ein eigenes Abhängigkeitspotenzial beinhaltet. Die andere große Substanzgruppe, die zur Anwendung kommt, heißt Buprenorphin, zum Teil mit dem Zusatz Naloxon. Das hat den Vorteil, dass die Patienten nicht so stark sediert sind, beruhigt sind, dass sie einen klareren Kopf haben und auch keine Kicks verspüren, wie sie sie zum Beispiel mit Heroin haben.“
4. Was sind die größten Schwierigkeiten im europaweiten Kampf gegen die Droge Heroin?
O-Ton 5 (Dr. Pfeiffer-Gerschel, 0:20 Min.): „Grundsätzlich kann man sagen, dass die europäischen Mitgliedsstaaten nach wie vor natürlich unterschiedliche gesetzliche Rahmenbedingungen aufweisen. Das Gemeinsame in allen europäischen Ländern ist, dass wir uns immer zwischen den Polen Sicherheit, Kontrolle des Phänomens auf der einen Seite und dem Auftrag und dem Anliegen dem Betroffenen, den chronisch kranken Menschen zu helfen, bewegen.“
5. Was ist für die Behandlung Drogensüchtiger wichtig?
O-Ton 6 (Dr. Pfeiffer-Gerschel, 0:19 Min.): „Grundsätzlich kann man sagen, dass bei der Behandlung von Menschen mit Heroin-Problemen eine Kombination von psychosozialen Angeboten und medizinischen Angeboten das beste Herangehen ist. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass unterschiedliche Konsumentengruppen auch sich in den unterschiedlichen Aspekten der Hilfsangebote widerspiegeln müssen.“
6. Welche Unterschiede gibt es da in den einzelnen Ländern?
O-Ton 7 (Dr. Pfeiffer-Gerschel, 0:17 Min.): „Unterschiede haben wir nach wie vor allen Dingen in Hinblick darauf, wie leicht Hilfsangebote in Anspruch genommen werden können. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von niedrig- oder hochschwelligen Angeboten. Wie schwierig ist es für den einzelnen Konsumenten das Hilfsangebot auch wirklich in Anspruch zu nehmen können.“
7. Wie erfolgreich ist Europas Kampf gegen Drogen?
O-Ton 8 (Dr. Pfeiffer-Gerschel, 0:45 Min.): „Wie in praktisch allen anderen Lebensbereichen haben wir natürlich auch, was den Drogen-Konsum angeht, in Europa nach wie vor Unterschiede zwischen den Ländern. So steht zum Beispiel einer vermeintlich geringen Zahl von drogenindizierten Todesfällen in den Niederlanden auch eine deutlich geringere Zahl von Heroinkonsumenten in Holland gegenüber. Umgekehrt wissen wir aus den skandinavischen Ländern, dass dort der Amphetamin-Konsum, auch der intravenöse Amphetamin-Konsum, seit vielen Jahren, Jahrzehnten schon, eine hohe Popularität genießt und auch dort wesentlich populärer ist als der Heroin-Konsum. In Finnland ist man zum Beispiel nach einigen Erfahrungen des Missbrauchs von Substitutionsmedikamenten dazu übergegangen, nur noch missbrauchssicherere Medikamente einzusetzen, was dann zum Teil dazu geführt hat, dass der Beikonsum in Richtung Alkohol angestiegen ist.“
Doktor Tim Pfeiffer-Gerschel von der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht über die Schwierigkeiten im europäischen Kampf gegen den Drogenmissbrauch, vielen Dank.
O-Ton 9 (Dr. Pfeiffer-Gerschel, 0:01 Min.): „Gerne!“
Mehr Informationen zu diesem Thema gibt’s bei der Deutschen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht im Internet unter DBDD.de oder bei der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht unter EMCDDA.eu. Dort finden Sie auch alles über die Gefährlichkeit der verschiedenen Drogen, die in Europa im Umlauf sind.
