17.01.2012 20:10 Uhr in Print

Wenn die Trauer online geht- R.I.P.-Gruppen auf Facebook (O-Ton-Paket)

(ddp direct)
Der Tod ist Teil des Lebens und jeder geht anders damit um. Manche Menschen trauern ihr ganzes Leben lang, andere kommen ganz gut darüber hinweg. Junge Menschen erleben den Tod oft anders als ältere. Eine ganz neue Art des Trauerns kommt aus den USA. Was das ist, sagt uns jetzt Andrea Hennis, stellvertretende Chefredakteurin von „Focus Schule“ – hallo!


O-Ton 1: „Hallo, ich grüße Sie!“

Wie sieht die neue Trauerkultur aus?

O-Ton 2: „Sie findet im Internet statt – und zwar in aller Öffentlichkeit. Jugendliche, die Freunde oder Klassenkameraden verloren haben, gründen – also beispielsweise bei Facebook oder in anderen sozialen Netzwerken – sogenannte ‚Rest in Peace‘-Gruppen, also ‚Ruhe in Frieden‘-Gruppen‘, um dort gemeinsam zu trauern. Wer da auf einer virtuellen Pinnwand Nachrichten hinterlassen will, der muss zuvor von einem anderen Mitglied der Gruppe als Teilnehmer eingeladen werden – aber gelesen werden können diese Botschaften dann von allen Nutzern des sozialen Netzwerks weltweit.“ 00:28

Warum trauern die Jugendlichen online?

O-Ton 3: „Das ist nun mal das Medium, in dem sie sich austauschen und so eine Todesnachricht ist natürlich auch erst mal ein Schock. Mit dem wollen die Jugendlichen nicht alleine sein und im Netzwerk kann man sich sofort und unmittelbar mit den anderen treffen, kann seine Erschütterung, seine Trauer loswerden und spürt, dass es den anderen ähnlich geht. So ein gemeinsames Trauern schafft ja auch Nähe und gibt Halt – und genau das brauchen die Jugendlichen in dieser Situation. Diese Gruppen werden meistens kurz nach der Todesnachricht gegründet, füllen sich ganz schnell mit Freunden, aber auch mit Familienangehörigen – und sind dann über viele, viele Monate aktiv.“ 00:30

Ersetzt das Online-Trauern das übliche Kondolenzbuch oder Trauerkarten?

O-Ton 4: „Ersetzen glaube ich nicht, ich würde es eher als eine Ergänzung sehen. So eine Besonderheit des Online-Trauerns ist ja auch, dass man sich dort nicht an die Hinterbliebenen wendet, sondern direkt an den Verstorbenen. Das sind eher so Tagebucheinträge, in denen man mit dem Freund spricht und so eine Art innere Verbindung aufrechterhält. Viele stellen auch Fotos und Videos für ihn ins Netz – so als sei der Verstorbene in diesem virtuellen Raum immer noch präsent.“
00:23
Verarbeiten Jugendlichen den Tod auf diese Art besser?

O-Ton 5: „Es ist zumindest eine sehr intensive Art des Gedenkens. Man weiß ja, dass die virtuelle Kommunikation auch Hemmschwellen senkt und dass Menschen im Internet Persönliches oft viel leichter und schneller preisgeben. Es fällt beim Schreiben vielleicht leichter, Gefühle auszudrücken – oder man fühlt sich anonymer und geschützter als im direkten Kontakt. Eine Besonderheit der Gruppen ist sicher, dass überhaupt öffentlich getrauert wird. In unserer Gesellschaft findet das ja normalerweise im stillen Kämmerlein statt oder bestenfalls noch in einer Therapiegruppe – also wir von ‚Focus-Schule‘ haben gesehen, dass da tatsächlich gerade ein neuer Umgang mit Trauer stattfindet und entsteht.“ 00:35





Gibt es Kritik an dieser Art, Abschied zu nehmen?

O-Ton 6: „Wenn man da so reinschaut, da gibt es schon eine gewisse Diskrepanz zwischen Form und Inhalt: Man weiß ja, dass die Jugendlichen – bei Facebook zum Beispiel – auch immer Profilbilder haben, die eher sehr cool oder provokativ sind. Und das ist dann schon reichlich befremdlich, wenn da neben so einer sehr intensiven Trauerbotschaft einer zu sehen ist, der einem die Zunge rausstreckt – also dieses Medium ist natürlich nicht dafür gemacht für so eine Form der Gefühlsäußerung. Und dann besteht sicher auch die Gefahr, dass sich Schaulustige einfinden, die einfach nur dabei sein wollen, weil da gerade was aufregendes passiert – und die aber das Gefühl der Trauernden eigentlich gar nicht teilen.“ 00:34

Andrea Hennis, stellvertretende Chefredakteurin von „Focus Schule“ – vielen Dank!

O-Ton 7: „Ja, vielen Dank – auf Wiederhören!“


Mehr zum Thema Trauern im Internet lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von „Focus Schule“.