05.09.2013 12:48 Uhr in Gesundheitspolitik und Familie

Pflege in Frankfurt gestaltet Demokratie von unten solidarisch

20 Jahre Bestehen des Frankfurter Forums für Altenpflege


(Mynewsdesk) Ausdruck neuen Selbstbewusstseins des Pflegestandes. Pflegekräfte und Heimleiter demonstrieren ihr Engagement für eine andere Art des Umgangs mit den Menschen, die der Pflege bedürfen.

Zu seinem 20-jährigen Bestehen hatte das Frankfurter Forum für Altenpflege am 29.08.13 in die Paulskirche eingeladen. Die Festrede hielt Rita Süssmuth, CDU, Bundestagspräsidentin a. D., zum Thema: “Wie muss sich die Pflege ändern, um der Zukunft gewachsen zu sein?“ Neben dem Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt Peter Feldmann, SPD. der die Schirmherrschaft übernommen hatte, sprachen Manuela Deppe und Doris Pogantke. Sie schilderten die Situation der Altenpflege aus dem Blick einer Pflegerin bzw. Heimleiterin. Die Fragen der anschließenden Diskussionsrunde aus Vertretern von Verbänden und Politik stellte FAZ-Redakteurin Ingrid Karb, die durch den Abend führte.

Nachhaltiger Beitrag zur Lebensqualität

OB Feldmann zog die Verbindung von der „altehrwürdigen“ Paulskirche, dem Grundgesetz und seinem Würdeparagrafen zum Frankfurter Forum, dem er weitere 20 erfolgreiche Jahre wünschte. Er teile die Ziele des Frankfurter Forums und unterstütze es weiter. Er sprach sich dafür aus, dass der Mensch auch im Alter selbstbestimmt und in Gemeinschaft lebe. Das Alter sehe heute anders aus als vor 30 Jahren. Das, was wir für selbstverständlich hielten, sei infrage zu stellen. Das täte das Frankfurter Forum, das nicht nur begleite und darstelle, sondern mit seinem Anstoß zum Würdeprogramm einen nachhaltigen Beitrag zur Lebensqualität in Frankfurter Altenheimen geleistet habe.

„Wenn man politisch etwas verändern will, darf man nicht nur warten.“

„Wollen wir nur Betreuung und Pflege bei Eintritt ins Rentenalter?“, fragte Süssmuth, die die Festrede auf das Forum hielt. Süssmuth, die auch Bundesministerin war, will möglichst viele Lebensentwürfe und vor allem Einbeziehung - keine Ausgrenzung: „Aber das geht nicht ohne Solidarität, das geht nicht, ohne voneinander zu lernen, bis zum letzten Augenblick.“ Professionelle Pflege müsse menschliche Qualitäten wie Freundlichkeit umfassen. Sie kritisierte den Dokumentationsaufwand in der Pflege, der von der Hauptaufgabe der Beziehungspflege „abspenstig“ mache. „Wir haben in den Kommunen verabsäumt, für bürgerschaftliches Engagement zu sorgen“, so die Rednerin im kritischen Rückblick auf die Pflegeversicherung, als es noch ausschließlich um die Kosten ging und die Qualität auf der Strecke blieb. Das Frankfurter Forum für Altenpflege beglückwünschte sie für seine Öffentlichkeitsarbeit und stelle klar, dass es die Aufgabe der Kommune sei, im demografischen Wandel die Führung zu übernehmen. Wertschätzung habe den sozialen Berufen im gleichen Grade zuzukommen, wie dem Management und dem Handwerk. Intelligenz sei eine Kombination aus sozialer, kognitiver und emotionaler Kompetenz, das sage uns nicht nur die Wissenschaft. „Wir brauchen Gefühle, um zu verstehen“, so die Festrednerin, die das Überschaubare für das Sinnvolle hält und die persönliche Kommunikation für wirkungsvoller als seitenweise E-Mail-Information. Roboter ersetzten die menschliche Kommunikation auch im Falle der Pflege nicht, wo die persönliche Beziehung zähle, doch dafür brauche man Zeit. Süssmuth ermahnte die Betriebswirte mit Blick auf die wachsende Überforderung in der Pflege, mehrdimensional zu denken und zu rechnen. Sie wünschte dem FFA und der Stadt Frankfurt, dass sie gemeinsam weiterhin Neues entwickeln mögen, und dem Altenpflegestand selbst gab sie mit auf den Weg: „Wenn man politisch etwas verändern will, darf man nicht nur warten.“

Aufruf zur neuen Ehrlichkeit

Mit dem Warten, das machte Manuela Deppe sehr deutlich, sei es nun vorbei. Die Fachaltenpflegerin schilderte dem Publikum die Not des Pflegepersonals, das statt einer ganzheitlichen Pflege, die jeder Bewohner erwarten dürfe, nur noch eine Funktionspflege leisten könne. Sie stimmte Rita Süssmuth zu, dass die emotionale Seite aus Zeitknappheit zu kurz komme. In der Podiumsdiskussion setzte sich Pflegefachkraft Deppe vehement gegen die Auffassung zur Wehr, Zuhören sei eine minder qualifizierte Handlung.

Doris Pogantke, Heimleiterin, lobte die selbstkritische Haltung der Heime des Forums, die bei der Verschlechterung der Rahmenbedingungen - seit Einführung der Pflegeversicherung - aktiv geworden seien. Mit finanzieller Unterstützung der Stadt habe man das sogenannte Frankfurter Programm Würde im Alter initiiert und Projekte für an Demenz erkrankte Heimbewohner erarbeitet. Trotzdem sei die Diskrepanz von Forderungen und Leistungen dramatisch steigend. „30.000 Pflegekräften fehlen schon heute.“ Damit es zu keinem Kollaps in der Pflege komme, rief sie Verbände, Träger und Pflegekräfte zu einer neuen Ehrlichkeit auf. „Wir müssen zugeben, dass die gesetzlichen Anforderungen mit dem zu knapp bemessenen Personal nicht geleistet werden können und auch noch nie geleistet worden sind.“ Hier und heute solle mit dieser Ehrlichkeit angefangen werden.

Bestehendes Pflegesystem nicht mehr tauglich

Trotz des Wahlkampfs setzte sich der kämpferische, aber solidarische Geist, den das Frankfurter Forum starkgemacht hat, auch auf dem Podium durch. Es wurden Einschätzungen - auch konträre - öffentlich vorgestellt, die einen Eindruck davon geben, wo die Pflege politisch mittlerweile angekommen ist und welche Lösungsansätze Politik und Verbände zum Dokumentationsaufwand, Pflegekräftemangel und zur Organisationsform vorschlagen.

Wertschätzung, so nahm Willi Zylajew, MdB CDU/CSU, das Thema der Festrede auf, habe auch einen finanziellen Ausdruck, der sich bei den Pflegekassen aber nicht durchsetzen lasse. Ohne mehr Geld sei eine bessere Pflegearbeit nicht möglich. Er sprach sich auch gegen das Outsourcen von ganzen Bereichen in Pflegeheimen aus wie etwa die Essenszubereitung.

Stephan Siegler, CDU, Vorsitzender des Ausschusses für Soziales in Frankfurt, sprach dem Forum für seine Netzwerkarbeit - „schönes Beispiel, was sonst nicht funktioniert“ - seine Anerkennung aus. Die Frankfurter Heime könnten auch landespolitisch nicht ausgespielt werden. Die Stadt Frankfurt biete zudem eine Situation, die das Programm Würde im Alter für eine bessere Betreuung im Falle von Demenz ermöglicht habe.

Die Grünen-Politikerin, Kordula Schulz-Asche, MdL Hessen, forderte die Bildung einer Pflegekammer, um u. a. höhere Beiträge vonseiten der Pflegekassen durchzusetzen. Die Öffentlichkeit nehme die Bedeutung der Pflege nicht wahr. Die Pflege müsse sich organisieren, um sich aus dem Muster eines Frauenberufs ohne Karrieremöglichkeiten zu befreien.

Ralf Gaumann, Hessisches Sozialministerium, bezifferte den Frauenanteil im Pflegeberuf auf 85 %. Er argumentierte gegen eine Zwangsmitgliedschaft in einer Kammer für Pflegeberufe. Plädierte aber für intensivere Werbung mit den Verbandsvertretern und dafür, dass man im Pflegeberuf auf die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf hinarbeite. Auf den Einwand von Willi Zylajew, es gäbe genug Interessenten für die Pflegeausbildung, es scheitere aber an den Kosten, entgegnete Gaumann, dass die Deckelung der landesfinanzierten Ausbildungsplätze in Hessen aufgehoben worden sei. Aber trotz der Rekordzahlen in der Altenpflegeausbildung werbe man qualifizierte Kräfte aus dem Ausland an.

Der Frankfurter Caritasdirektor Hartmut Fritz sprach vom Überregulierungswahnsinn - eine Armada von Prüfern - und von der vorprogrammierten Fehleranfälligkeit der Pflegedokumentation. „Ich glaube, wir müssen dieses System auf den Müll werfen.“ Es reiche aus, Pflegeprozesse zu typisieren und sich die Wirkung anzuschauen. Dann könne man mit 10 % des heutigen Dokumentationswahns auskommen und es stünde mehr Geld für die Pflege am Menschen bereit. Die Beziehungsarbeit habe im Vordergrund zu stehen, um Pflegebedürftigen und Pflegenden gerecht zu werden, sonst wechselten die Pflegekräfte ihren Beruf, so Fritz, der sich eine konzertierte Aktion mit der Politik wünscht. Das Konzept des Frankfurter Forums gelte es auf die ganze Republik zu verteilen, um ausreichend Druck auf die politischen Entscheidungsträger zu erzeugen. „Es geht um die Menschenwürde und Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft.“

Das bestehende Pflegesystem gebe die Zeit vor, führte Hans-Joachim Rindfleisch-Jantzon, Landesvorsitzender bpa Hessen, aus: „Wir müssen Zeit für die Pflege einklagen.“ Er rechtfertigte die Anwerbung qualifizierter Pflegekräfte aus dem europäischen Ausland mit dem absehbaren Pflegekräftemangel in Deutschland. Er schränkte allerdings ein, dass an erster Stelle die pflegerische Ausbildung inländischer Menschen stehe und bezog ausdrücklich auch ältere Bewerber ein.

Es sei ein Fehler gewesen, die Pflegetransparenzverhandlungen – auch als Pflege-TÜV bekannt - den Kassen zu überlassen, so Willi Zylajew in Bestärkung seiner Vorredner. Die Steigerung an Dokumentationsaufwand und verstärkter Kontrollen durch den MDK (Medizinischen Dienst der Krankenkassen) hätten dazu geführt, dass die Pflegekräfte von der eigentlichen Arbeit abgehalten würden. „Das muss unbedingt zurückgenommen werden.“

Wirkkraft wächst im Gemeinsinn

Dieses Prinzip des Austauschs miteinander fand auch Ausdruck im „FFA-Chor“ (Chorum Spontanum unter Leitung des Musiktherapeuten Ivan Ivanov), der aus Heimleitenden und Pflegenden besteht und mit denen der offizielle Teil des Festes begann und endete. Und es waren die Köche und das Küchenpersonal aus Heimen, die für den Imbiss und die Bewirtung sorgten. Das Frankfurter Forum für Altenpflege ist in diesen 20 Jahren dank dieses Gemeinschaftssinns der Heime in seiner Wirkkraft ständig gewachsen. Rita Süssmuth würdigte in ihrer Festrede das Frankfurter Forum für Altenpflege in seinem bürgerschaftlichen Engagement und wünschte dem „Frankfurter Phänomen“ Nachahmer in anderen Kommunen.

Text: Constance Kolka und Beate Glinski-Krause

Über FFA

Infos über FFA finden Sie hier: www.ffa-frankfurt.de

Frau Beate Glinski-Krause

FFA FRANKFURTER FORUM FÜR ALTENPFLEGE
Wiesenau 57
60323 Frankfurt am Main

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