«Wolfcenter» in Dörverden Detailansicht
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«Wolfcenter» in Dörverden
Besucher können Wölfe ausgiebig beobachten und in unmittelbarer Nähe übernachten
Dörverden (ddp-nrd). Antoschka, Pjotr, Oblomow und Gontscharow fühlen sich in ihrer neuen Umgebung augenscheinlich tierisch wohl. Die vier europäischen Grauwölfe haben in dieser Woche ein 11 000 Quadratmeter großes Gehege in Dörverden im niedersächsischen Landkreis Verden bezogen. Die Anlage ist Teil des «Wolfcenters», das am 28. April erstmals öffnet. Rund 1,5 Millionen Euro haben Christina und Frank Faß in die nach ihren Angaben europaweit neuartige Attraktion investiert. «Es müsste doch machbar sein, im ersten Jahr 20 000 Besucher zu gewinnen», hofft jetzt Frank Faß.
Bis es soweit ist, wird noch eifrig gewerkelt. Im Empfangsbereich wird an diesem Tag noch an der Optik gearbeitet. Mit dem Gebäude, einem ehemaligen Soldatenheim, hätten sie Glück gehabt, berichtet der 35-Jährige. «Wir mussten nicht eine Wand wegreißen, es ist für unsere Zwecke superideal gebaut.» In dem Gebäude befinden sich unter anderem Seminarräume für die alle zwei Stunden angebotenen Vorträge über Biologie und Ökologie der Wölfe sowie ab Juni eine vom Bremer Universum konzipierte interaktive Dauerausstellung.
Vom Empfangsbereich aus gelangt der Besucher wahlweise auf einem naturbelassenen Pfad oder einem festen Schotterweg in den rund fünf Hektar großen Mischwald des Tierparks. Vorbei am Kleintierstreichelzoo gelangt man zum Gehege für das handaufgezogene Wolfsrudel. Hier sollen etwa ab Mitte Mai vier bis fünf Wolfswelpen mit der Milchflasche gefüttert werden, die aus anderen Tierparks nach Dörverden kommen sollen.
«Durch den Körperkontakt werden die Welpen Menschen gegenüber weniger scheu», erzählt der 35-jährige Jungunternehmer, Jäger und Wolfsbetreuer für den Landkreis Verden. Inwieweit sich ihr Verhalten dann von dem von Antoschka, Pjotr, Oblomow und Gontscharow unterscheidet, sollen die Besucher selbst beobachten können.
Die Wölfe aus dem Institut für Haustierkunde der Christian-Albrechts-Universität in Kiel, die im Gehege vis-a-vis untergebracht sind, wurden nicht von Hand aufgezogen. «Alle vier Wölfe verhalten sich scheu gegenüber Menschen, ergreifen aber nicht sofort die Flucht, sobald sie Menschen sehen», erklärt Faß und schaut von der Aussichtsplattform auf die Tiere hinunter. Die siebenjährige Fähe Antoschka und die drei neunjährigen Rüden sind unterdessen langsam näher gekommen und beobachten ihrerseits aus etwa 20 Metern Entfernung interessiert das Geschehen.
«Wölfe leben im Familienverband, sind hoch sozial und sehr anpassungsfähig», schildert der 35-Jährige die Eigenschaften der Tiere, die sich nach ihrer Ausrottung in Deutschland seit dem Jahr 2000 langsam wieder ausbreiteten. So verzeichneten Biologen bereits über sechs freilebende Rudel in Sachsen und Brandenburg. «Obwohl der Wolf durch das Bundesnaturschutzgesetz geschützt ist, gibt es auch Stimmen, die die Tötung der Wölfe fordern», berichtet Faß.
Das Wolfcenter wolle durch umfassende Information über das Verhalten, den Lebensraum, die soziale Struktur, die Jagd und den Schutz der Wölfe Denkanstöße geben, sich eine eigene Meinung zu bilden. Wölfe seien weder gefährliche Bestien noch als Haustiere geeignet, räumt der 35-Jährige mit zwei häufigen Irrtümern auf.
«Ich finde es generell gut, wenn Menschen durch Aufklärungsarbeit wieder Verständnis für die hiesige Natur- und Tierwelt bekommen», sagt die Präsidentin des Verbandes deutscher Zoodirektoren (VDZ), Gisela von Hegel. Sie sehe in dem Wolfcenter eine Ergänzung zu den bereits existierenden Tierparks. Durch die Spezialisierung könne es sich intensiv mit dem Thema Wolf befassen.
Wer möchte, der kann im Wolfcenter nicht nur mit den Wölfen heulen, sondern sogar Auge in Auge mit ihnen schlafen gehen. Ein Indianerdorf bestehend aus fünf Tipis wurde gleich gegenüber den beiden Wolfsgehegen errichtet. Ein drittes Gehege beherbergt eine Schafweide mit sechs Tieren und einem Herdenschutzhund. Für ihren Traum vom Wolfcenter haben Christina und Frank Faß ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt. Sie gab ihren Job als Industriekauffrau auf, er seinen als Ingenieur für Luft- und Raumfahrttechnik.
«Ich war am Anfang superskeptisch», erzählt die 38-jährige Christina Faß, die für die Verwaltung und die Finanzen zuständig ist. Da sie jedoch die Faszination ihres Mannes für die Wölfe teile, stimmte sie der vor fünf Jahren in Kanada geborenen Idee zu. «Wir gehen beide total darin auf», sagt sie jetzt vor der langsamen Eröffnung, dem sogenannten soft-opening. Die Haupteröffnung sei für den 22. Juni geplant. «Bis dahin wollen wir Erfahrungen sammeln, um für den Sommer gut gerüstet zu sein.»
(ddp)
